SCHLAFLIED FÜR MARIE

 

Kommt über die Berge der Nebel, der graue

Schreit eine Katze aus Angst vor der Nacht

Im Schlaf liegen Häuser, der Fluß und die Aue

Mariechen liegt bei mir, heut halte ich Wacht

 

Mariechen, mein Mädchen, dir träumte ein Kätzchen

Legte sein Köpfchen dir weich auf den Mund

Mariechen, ein Märchen von Schmerz und Entsetzen

Steigt auf von des Dorfbrunnens allertiefstem Grund

 

Ein Vogel erhebt sich von fern in die Stille

Von Stahl ist sein Leib, sein Schrei zeigt die Stund

Im Brunnen tönt kreischend das Echo, das schrille

Umrundet die Welt, ein Drohwort die Kund

 

Mariechen, mein Mädchen, dir träumte ein Kätzchen

Legte sein Köpfchen dir weich auf den Mund

Mariechen, Feinsliebchen, jetzt sollst du benetzen

Mit Tränen des Mitleids das grüne Erdenrund

 

Dem Mädchen in friedvollem kühlen Gemäuer

Leg ich die Mutterhand schwer ins Gesicht

Der Vogel kommt näher und mit ihm das Feuer

Es rufen die Glocken zum jüngsten Gericht

 

Mariechen, mein Mädchen, dir träumte ein Kätzchen

Legte sein Köpfchen dir weich auf den Mund

Mariechen, mein Kindchen, ach hör auf zu ächzen

Die Zeit ist vergiftet, nur Schlaf macht gesund

 

So rührte ihr Atem mir lang noch an Händchen

Und Herze, ich weiß, dass es plötzlich zersprang

Als kalt wurd die Hand und dann kalt mein Mariechen

Das schlafend noch nach meiner Liebe verlangt

 

Mariechen liegt bei mir, so warten wir heuer

Zwei Tote, wenn draußen das Tageslicht bricht

durch Blätter und Wipfel und harren dem Feuer

doch kommt nur der Zweifel, der leis zu mir spricht

 

Mariechen, mein Mädchen, dir träumte ein Kätzchen

Legte sein Köpfchen dir weich auf den Mund

Mariechen, mir träumte ein heiteres Mätzchen

Ersetzte das Drohwort und färbte es bunt

 

Es heißt jetzt, dein Geist wandelt wild über Plätze

und Straßen zum Brunnen. Wem hältst du Gericht?

 

Ich gehe zum Dorfplatz und finde den Schreier

Er setzt seine Worte in Bild und in Schrift

In seidenem Kleid schreibt für goldene Leier

Er Märchen von Vögeln mit blutigem Stift

 

Sein König heißt Geld und liegt stets auf der Lauer

Ob einer nicht einmal die Losung vergißt

Und heimlich sich träumt einen Regenschauer,

Ein Grußwort, ein Tänzchen, ein Wort mit Gewicht

Ein Liebchen mit Liebreiz und lustigen Zoten,

Ein Buch ohne Seiten, ein zartes Gedicht,

Das alles, das gönnt dieser König der Noten

Dem Diener, dem Schreier, von Herzen nicht

Der Diener nun wieder singt schaurige Lieder

Vom Ende der Zeit, das er ahnt und erhofft

„Ein Sklave, nie wieder!“ Er schüttelt die Glieder,

Und schießt auf den Specht, der am Fahnenmast klopft

Der Vogel fällt leise, laut ruft er in Strömen

Das Blut von Proleten und Bürgern herbei

„Im Krieg liegt die Freiheit!“ So hört man ihn stöhnen

Am waldrand der Friedhof steht in Akkelei

 

Mariechen, ich pflanze Holunder und Flieder

Dorthin wo noch gestern dein Kinderleib lag

Mariechen, der Brunnen wird singen uns Lieder

Voll Süße und Wahrheit, wenn licht wird der Tag.

 

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Lullaby for Marie. A mother hears rumours of an approaching war.

To protect her daughter Marie from the horrors of war she smothers

her in her sleep. Marie is dead, but the war doesn’t come, so the

mother goes out looking for the one who spread the rumours, she

finds a man sitting at the bottom of the village well. He claims

to be enslaved by a king called money, and he cries for a

revolution.

 

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